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Grabmale

Es tut sich endlich etwas: eine Branche im Umbruch 
Grabmal nachhaltig Nachdem in den letzten drei Jahrzehnten nahezu kritiklos Grabmale aus aller Herren Länder auf unsere Friedhöfe gestellt wurden, setzt allmählich ein (Um-)Denken ein. Die Menschen stellen sich nun die Frage, ob es sinnvoll ist, die Steine um den halben Globus zu transportieren, und bringen wieder regionale Steinsorten ins Gespräch.

Auch interessieren sich die Kunden nun für den Herstellungsprozess der Grabmale und die Frage, ob ggf. moderne Sklaverei oder ausbeuterische Kinderarbeit Grundlage der günstigen Preise der Importware sind.

Auch der Gesetzgeber ist auf Berichte über Missstände bei der Grabmalproduktion - vor allem in Asien - aufmerksam geworden. Die Bestattungsgesetze der Länder werden voraussichtlich nach und nach um die Forderung erweitert, Nachweise für eine "saubere" Herkunft von Grabmalen zu erbringen.

Überhaupt scheint der Wert der Ressource Naturstein inzwischen erkannt zu werden. Die Wegwerfgesellschaft ist passé. Langsam erkennen wir ernst gemeinte Initiativen für Grabmalrecycling. Daneben stehen bereits andere Materialien, wie Holz, Metall, Glas, Beton, Keramik und Kunststoff für eine Bearbeitung zum Grabmal oder zur Kombination mit traditionellen Werkstoffen bereit.

Der deutsche Grabmalbereich ist im Umbruch - das Handwerk verunsichert. Wer von den Grabmalgestaltern und Steinmetzen jedoch den Umbruch als Aufbruch und Chance versteht, wird die Marktturbulenzen sicher und unbeschadet überstehen.

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Interview mit Andreas Rosenkranz, Steinmetz aus Köln

1. In Nordrhein-Westfalen wurde das Bestattungsgesetz geändert. In Zukunft sollen nur noch Grabmale auf den Friedhöfen aufgestellt werden dürfen, die nachweislich frei von Kinderarbeit sind. Wie schätzen Sie das Gesetz ein?

Die Ländergesetzgebungen zur Zertifizierung von Grabsteinen, nicht nur in NRW, sind grundsätzlich notwendige Schritte - scheitern aber derzeit an einer verifizierbaren Umsetzung. Dabei ist anzumerken, dass der Grabstein - emotionalisiert als Schlusstein des Lebens - herhalten muss für eine Problematik, die den gesamten Steinhandel betrifft und darüber hinaus zu einem Synonym für 'fairen Handel' geworden ist.
Wenn man bedenkt, wie gering entweder das Bewusstsein oder das Interesse an 'fairem Handel' gerade auch bei gängigen Alltagsprodukten wie Kaffee, Kleidern aber auch Naturstein als Baustoff ist, verwundert es doch, das ein Nischenprodukt wie 'der Grabstein' dermaßen viel Aufmerksamkeit erfährt und sogar in der Gesetzgebung 'vorrangig' behandelt wird. Da ist die vorläufige Aussetzung dieses Gesetzes1, wegen fehlender Umsetzungsmöglichkeiten nur ein weiterer Beleg für einen offensichtlichen 'Stellvertreterkrieg' der so auch von allen direkt Beteiligten [VDNV-BIV vs. sog. Zertifizierer2] geführt wird und sich in der öffentlichen Wahrnehmung verheerend niederschlägt.

2. Was können Steinmetze in puncto Umweltschutz und Nachhaltigkeit bei der Betriebsführung tun?

Mit dem Material Naturstein verarbeitet der Steinmetz ein Naturprodukt, das in puncto 'Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit' konkurrenzlos ist - wenn es sich um ein Material handelt dessen Einsatz aus 'ökologischer Sicht' vernünftig und vertretbar ist. Dies gilt es verstärkt in den Vordergrund zu stellen.

3. Können Natursteine aus Deutschland uneingeschränkt als Grabmal-Material empfohlen werden und sind heimische Materialien für den Verbraucher in jedem Fall teurer, als beispielsweise asiatische Steine?

Da heimische Natursteine als Grabmal-Material schon lange vor dem Import asiatischer Natursteine eine breite Verwendung fanden ist allein dies schon 'Empfehlung' genug ! Es ist heute unabdingbar auch die 'ökologischen' Folgekosten, die ein Transport aus asiatischen Ländern verursacht, zu berücksichtigen; da dürfte eine vordergründig erkennbare Preisdifferenz tatsächlich relativ unbedeutend sein. Dies dem Verbraucher zu vermitteln, ist heutzutage nicht mehr schwierig. Auch der ausdrückliche Hinweis auf die Verwendung lokaler, regionaler oder europäischer Natursteine dürfte, bei dem derzeitigen Diskussionsstand über 'Grabsteine aus ausbeuterischen Produktionsbedingungen' einer uneingeschränkten Materialempfehlung gleichkommen.

4. Kann man bei jedem Steinmetz individuelle und handwerklich gestaltete Grabmale bekommen?

Nein. Der überwiegende Teil der 'Grabsteinmetze' ist tatsächlich einer reinen 'Händlergilde' zuzuordnen, was sich überdeutlich im monotonen Erscheinungsbild der Friedhöfe offenbart. Es sind keine gestalterischen Ansätze im vordergründig vielfältigen Formenkanon industriell gefertigter Grabmale erkennbar, sondern rein ökonomische Aspekte die bspw. eine 'unverwechselbare Farbigkeit' polierten asiatischen Materials, als verkaufsförderndes Argument in den Vordergrund stellen
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(Interview vom März 2016)
  1. Anmerkung der Redaktion: Derzeit wird in NRW die Durchsetzung des neuen Bestattungsgesetz per Erlass in Teilen ausgesetzt, da eine Grabmal-Zertifizierung, die das Verbot von Kinderarbeit bei der Herstellung verbietet, neu geregelt werden muss.
  2. BIV = Bundesverband Deutscher Steinmetze;
    VDNV = Verband Deutscher Natursteinverarbeiter (heute "Verband für Gedenkkultur - VfG")
    Zertifizierer: Organisationen, die Grabmale zertifizieren, bei deren Herkunft oder Herstellung Kinderarbeit ausgeschlossen werden kann, wie z.B. Xertifix, Fairstone oder IGEP




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